top of page

Geology of Thought - die Zitate

  • andreanagl1
  • 9. März
  • 4 Min. Lesezeit

Wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund der Performance Geology of Thought




Kapitel 1: Theologie – Der geschlossene Kosmos

Bischof James Ussher (1581-1656, Irland), Schöpfung und Sintflut. Mathematik, Geometrie, Philosophie. Die Welt als göttliche Berechnung – Zeit gemessen in Generationen, der Kosmos als perfektes Uhrwerk. Wunderkammer / Kuriositätenkabinett. Ästhetik vor Wissenschaft: Staunen, Sammeln, das Wunderbare des Fremden – Objekte ohne Kontext, Rätsel ohne Methode. Das Denken ist noch gebunden: an Dogmen, an das Buch, an die Geometrie des Himmels. Die Erde ist jung, und der Mensch steht in ihrer Mitte.


IN P R I N C I P I O creavit D E U S  Coelum & Terram. [Gene. 1. 1 ] q u o d temporis principium (juxta nostram Chronologiam) incidit in noctis illius initium, quae tres et viginti diem Octobris praecessit, in anno Periodi Julianae septingentesimo decimo.

"Der Anfang der Zeit fiel auf den Eintritt der Nacht, die dem dreiundzwanzigsten Oktober voranging, im Jahre 4004 vor Christi Geburt." „Annales Veteris Testamenti a prima Mundi Origine Deducti“, James Ussher (1650)



Kapitel 2: Im Buch der Natur lesen – Der Gang ins Gelände

Den Studierzimmer verlassen, die Stube, die Wärme des Ofens. Hinaustreten ins Gelände, in den Steinbruch, an die Felswand. Die Neptunisten: alles Gestein hat sich aus dem Wasser abgesetzt. Schicht um Schicht – eine Chronik in Stein geschrieben. Georg Christian Füchsel (1722-1773) zeichnet die ersten Profile. Abraham Gottlob Werner (1749-1817), deutscher Mineraloge, Bergakademie Freiberg, klassifiziert: Urgebirge, der alte Kern; Fötzgebirge; Aufgeschwemmtes Gebirge. Die Erde wird lesbar.


"Alle Gebirgsarten lassen sich, in Rücksicht auf die Natur und Entstehung der Gebirge, die sie ausmachen, unter 4 Hauptabtheilungen bringen. Diese sind: uranfängliche, Flötz- , vulkanische und aufgeschwemmte Gebirgsarten. 

Die uranfänglichen Flötz und aufgeschwemmten Gebirgsarten, gehen in einander über, und man hat uranfängliche Gebirgsarten, die beynahe mit eben dem Rechte auch Flötzgebirgsarten genannt werden können; und wiederum Flötzgebirgsarten, wo man zweifelhaft wird, ob man sie nicht schon zu den aufgeschwemmten zählen soll. Einige der erstern, nämlich der uranfänglichen, gehen auch ganz allmählich in Flötzgebirgsarten über. Nach der Entstehungsarten dieser Gebirgsarten, die sich in dem ungeheuren Zeitraume der Existenz unserer Erde wohl meist unmerklich eine in die andere umänderten, ist es auch nicht anders möglich, als daß solche Übergange bey diesen Gesteinarten statt finden müssen."

"Kurze Klassifikation und Beschreibung der verschiedenen Gebirgsarten", Abraham Gottlob Werner (1787)



Kapitel 3: Fossilien – Die Archive der Katastrophe

Georges Cuvier (1769-1832) – vergleichende Anatomie, Aussterben und Neubeginn. Ein einziger Knochen offenbart das ganze Tier. Katastrophismus: Der Gang der Natur ist zerrissen – Vergangenheit und Gegenwart getrennt. Die Katastrophe als Schöpferin der Zeiten. Leben ausgelöscht, Leben wiedergeboren. William Smith (1769-1839, erstellte die erste geologische Karte Großbritanniens) – die Karte, die Schichten, der praktische Blick. Fossilien als Marksteine: jede Schicht, ihre eigene Welt. Die gleiche Abfolge, überall. Von den Steinbrüchen Englands bis zum Globus. Sammeln. Katalogisieren. Klassifizieren. Fossilien werden zur neuen Grammatik der Zeit. Die Erde wird nicht mehr nur nach ihren Gesteinen gelesen, sondern nach den Leben, die einst in ihnen verborgen waren.


"Beim Anblick eines einzelnen Knochens, eines einzigen Stückes Knochen, erkenne und rekonstruiere ich den Teil des Ganzen, dem er entnommen sein würde. Das ganze Wesen, welchem dieses Fragment angehörte, stellt sich augenblicklich dem Geiste vor."

La marche de la nature est donc changée ; et aucun des agens qu'elle emploie aujourd'hui, n'auroit suffi pour produire ses anciens ouvrages.

"Discours préliminaire" zu "Recherches sur les ossemens fossiles de quadrupèdes" (1812), "Die Umwälzungen der Erdrinde in naturwissenschaftlicher und geschichtlicher Beziehung" (1830), Georges Cuvier.



Kapitel 4: Tiefenzeit – Der ewige Kreislauf

Aktualismus – die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit. James Hutton (1726-1797): keine Spur eines Anfangs, keine Aussicht auf ein Ende. Betont Kluft zwischen menschlicher und geologischer Zeitskala. John Playfair (1748-1819): der schwindelerregende Abgrund der Zeit. Sir Charles Lyell (1797–1875): langsame, stetige Veränderung – Vergangenheit und Gegenwart vereint. Die Plutonisten – Feuer, nicht nur Wasser. Die Erde als sich selbst erneuernde Maschine: Erosion, Sedimentation, Hebung, von Neuem. Ein endloser Kreislauf. Keine Katastrophe – nur die geduldige Arbeit der Jahrtausende. Tiefenzeit – der Mensch wird winzig. Die Fossilien, die Schichten, die Gebirge – sie sind keine Ereignisse. Sie sind Rhythmen. Die Zeit wird Raum. Das Vergangene ist nicht verloren; es liegt unter unseren Füßen.


"The result, therefore, of our present inquiry is, that we find no vestige of a beginning - no prospect of an end." Theory of the Earth, James Hutton, 1788


The mind seemed to grow giddy by looking so far into the abyss of time.

Illustrations of the Huttonian Theory of the Earth, John Playfair (1802)


"The present is the key to the past."

Principles of Geology, Charles Lyell (1830)



Der Mensch als Teil der Welt, als kleines Staubkorn im Kontext der Evolution, ein Moment im langen Kreislauf der Tiefenzeit. Wir sind nicht der Mittelpunkt und haben keine Kontrolle über den Lauf der Welt. Wir sind Teil des Kreislaufs der Gesteine, wir sind untrennbar verwoben, wir können uns unserer Verbindung gewahr werden.



Die Performance Geology of Thought findet am Sa, 14.3.2026 um 19.00 im Rahmen vom aNOther festival, im future art lab Klangtheater, mdw, 1030, Anton-von-Webern-Platz 1 statt. Eintritt: pay as you wish

W.A.L.Z. Performance Collective: Andrea Nagl (Performance, Objekte, Konzept), Karlheinz Essl (live Sound, Komposition), Markus Wintersberger (live visuals, Kamera).

Kommentare


bottom of page